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Kastilien – La Mancha

Wer sich bei seiner Ankunft am Urlaubsort abrupt wie in einer Zeitschleife fühlt und wem darüber hinaus beim Anblick grandioser Naturszenarien rundherum schier der Atem stockt – tja, der könnte möglicherweise mitten in Kastilien-La Mancha gelandet sein. Mitten in Spanien, im Herzen der iberischen Halbinsel, bedecken die insgesamt fünf Provinzen dieser atemberaubenden Landschaft eine Fläche, die ungefähr so groß wie Tschechien ist und etwa 16 Prozent der spanischen Landmasse ausmacht.

Gar nicht so wenig also. Zugleich leben hier inmitten des historischen zentralspanischen Gebiets lediglich knapp vier Prozent aller Spanier: Jeden Quadratmeter Fläche teilen sich, statistisch gesehen, gerade einmal 26 Bewohner. Die autonome Gemeinschaft „Castilla-La Mancha“, auch unter dem Namen Neukastilien bekannt, ist damit spärlich besiedelt. Doch mit umso größeren Überraschungen warten alle fünf Provinzen auf.

Grandiose Berge und Weiten

Der Name Toledo bezeichnet die Hauptstadt Neukastiliens und gleichzeitig eine der fünf Provinzen. Ob nun freilich in Guadalajara oder Cuenca, Ciudad Real, Albacete oder in Toledo selbst – überall trifft der Besucher auf faszinierende Spuren des Mittelalters, ja auf vollständig erhaltene Städte mit Gebäuden, die zu einem großen Teil sogar noch wie einst bewohnt sind.


Um die mittelalterlichen Städte und Dörfer herum türmen sich gewaltige Gebirgsketten, erstrecken sich grandiose Ebenen schier endlos bis zum Horizont. Wer hier wandert, der darf getrost darauf gefasst sein, tagelang keiner Menschenseele zu begegnen. Höchstens einmal eine Herde blökender Schafe wird ihm eventuell dann und wann ein Stück auf seinem einsamen Weg Gesellschaft leisten.

Die fünf Provinzen Kastilien-La Manchas thronen in majestätischer Erhabenheit auf einem gewaltigen Hochplateau. Dieses ist vollständig von drei nicht minder beeindruckenden Gebirgszügen umschlossen: Montes de Toledo (Berge von Toledo), Sierra Conquense und Sierra Alcaraz. Guadiana und Taja heißen die beiden Flüsse, die sich durch die karge, dünn besiedelte Region schlängeln. Sie führen in der Regel wenig Wasser, denn in Kastilien-La Mancha regnet es nur selten und so gut wie nie richtig heftig. Dafür sind die Sommer in der Regel extrem heiß, die Winter hingegen klirrend kalt; insgesamt also ein typisches mediterran-kontinentales Klima. Im Norden grenzt Kastilien-La Mancha an Kastilien-León und die Region Madrid, im Süden an Andalusien und Murcia, im Osten an Aragonien und Valencia und im Westen an die Extremadura.

Wie Don Quijote über Windmühlen staunen

„Don Quixote de la Mancha“ – wer kennt ihn nicht, den furchtlosen Kämpfer gegen Windmühlenflügel. Die weltberühmte Novelle über den verarmten, leider auch ziemlich vertrottelten Junker, der auszieht, ein stolzer Ritter zu werden, ist bis heute das bekannteste Werk der spanischsprachigen Literatur. Miguel de Cervantes schrieb sie im Jahr 1605. Im Jahr 2005 feierten die Spanier damit schon das 400-jährige Jubiläum der Erstausgabe des „sinnreichen Junkers Don Quijote von der Mancha“ (so die deutsche Übersetzung des Originaltitels) – ein historisch bisher einmaliger Erfolg für ein spanischsprachiges Buch.
Wer authentisch auf Don Quijote Spuren wandeln möchte, kommt an einem Besuch in Kastilien-La Mancha nicht vorbei. Sehr wahrscheinlich haben die faszinierenden Landschaften, Monumente und Orte dieses so ursprünglichen spanischen Gebiets seinerzeit Cervantes für seinen Roman inspiriert. Eine klassische Don-Quichote-Reise könnte zum Beispiel in der Hauptstadt Toledo beginnen und sich von dort aus weitläufig über San Clemente, Villaneuav de los Infantes und Almagro bis in das Valle de Alcudia ziehen. Weiter ginge es anschließend noch über Ciudad Real, Consuegra und Alcaraz bis nach Campos de Montiel.

Kämpfe und Könige

Erst vor etwas mehr als 30 Jahren, im Jahr 1982, wurde Kastilien La-Mancha zur autonomen Gemeinschaft erklärt. Seine historischen Wurzeln reichen weit in die Jahrhunderte zurück, Zeiten, die durch kriegerische Auseinandersetzungen und heftige territoriale Kämpfe geprägt waren. Der Eroberung durch die Mauren im 8. Jahrhundert folgte König Alfonso VI. von Kastilien, der im Jahr 1085 Toledo unterwarf. Sein Nachfolger Alfonso VIII. machte sich 92 Jahre später zusätzlich die Gebiete von Cuenca untertan. 1785 – genau 180 Jahre, nachdem Miguel de Cervantes erstmals seinen „Don Quichote de la Mancha“ veröffentlicht hatte – wurde die Region im Zuge einer territorialen Neugliederung vollständig neu aufgeteilt: Albacete, Almansa, Chinchilla und Hellín y Yeste wurden dem Königreich von Murcia zugeschlagen, während den Rest des Gebietes nun Toledo, La Mancha, Cuenca, Madrid und Guadalajara bildeten. Seit rund drei Jahrzehnten firmiert Kastilien-La Mancha nun als autonome Gemeinschaft Spaniens.

Castilla - La Mancha

Castilla – La Mancha ©iStockphoto/Val Bakhtin

Wo sich Fuchs und Rebhuhn gute Nacht sagen

Naturliebhaber finden in Kastilien-La Manche ein wahrhaftiges Paradies vor. Die schon erwähnten famosen Landschaftsszenarien möchten „erwandert“ und immer wieder innehaltend andächtig bestaunt werden. Einer der bekanntesten und beliebtesten Wanderwege ist der Sendero de Guadalajara: von Madrid zur Provinz Teruel und von Osten nach Nordosten die Provinz Guadalajara durchquerend. Allein drei Nationalparks besitzt Kastilien-La Mancha. Und viele der schönsten Gegenden sind in Deutschland weitgehend unbekannt – faszinierend unberührte Landstriche mit klangvollen Namen wie Cabañeros, Alto Tajo oder Lagunas de Ruidera.
Eine so ursprüngliche Landschaft erfreut sich meist auch außergewöhnlicher Artenvielfalt. So haben Turteltauben und Kaninchen, Füchse und Rebhühner in Castilla-La Mancha ihre Heimat, hier sagen sich sprichwörtlich Fuchs und Hase gute Nacht. In den kristallklaren Seen tummeln sich zahlreiche Fischarten wie Karpfen, Barben und Hechte. Paradiesische Zustände sind damit auch für passionierte Angler gegeben. So werfen auch nicht wenige der jährlich über zwei Millionen Touristen – Tendenz stetig steigend – gerne an einem der einsamen Gewässer Neukastiliens die Rute aus und freuen sich oftmals über reichen Fang.

Märchen-Giganten aus Kalkstein

Enorme Kalksteinblöcke, von der Natur faszinierend geformt und wie zufällig ins Gebirge gestreut, prägen in der Provinz Cuenca eine der spektakulärsten Landschaften Neukastiliens: die „Ciudad Encantada“. Ein herrlicher Gebirgsnadelwald bettet hier malerisch wahre Giganten aus Kalk ein, von denen jeder einzelne wie eine Märchenfigur geformt ist; einzig und allein durch eine Laune der Natur. Bereits im Jahr 1929 wurde dieser außergewöhnliche Ort zum Naturdenkmal erhoben. Einen zusätzlichen spektakulären Anblick bieten die Casas Colgantes aus dem 14. Jahrhundert, übersetzt „hängende Häuser“, die sich über der gewaltigen Schlucht Hoz del Huécar zusammendrängen.

Mittelalterliches Weltkulturerbe

Die atemberaubende Altstadt Toledos ist UNESCO-Weltkulturerbe. Jahr für Jahr zieht sie wachsende Ströme von Besuchern aus der ganzen Welt magnetisch an. Hier ist die Zeit stehen geblieben, hier lebt und atmet noch das Mittelalter. Beindruckend zeigt sich das am Kloster San Juan de los Reyes, der Synagoge del Tránsito oder in den Höhlen von San Miguel.

Andere wunderschöne Städte stehen Toledo freilich an historischer Pracht kaum nach. Guadalajara zum Beispiel mit der Kirche Santa Maria la Mayor im Mudejar-Stil, maurischen Stadtmauern, Palast aus dem 15. und Brücke aus dem 10. Jahrhundert. Oder Siguenza mit seiner gewaltigen mittelalterichen Festung – nicht weit entfernt übrigens von den Lagunas de Ruidera, einem Badeparadies aus 17 malerisch gelegenen Lagunen.

An den historischen Städten Kastilien-La Manchas ist der Umstand besonders bemerkenswert, dass nirgendwo sonst noch so viele Bauwerke des Mittelalters tatsächlich bewohnt sind. Kirchen, Tempel und Moscheen künden einträchtig nebeneinander vom friedlichen Zusammenleben der Religionen. Welche Pracht sogar ein an sich „schlichter“ gotischer Kirchenbau ausstrahlen kann, stellen eindrucksvoll die Kathedralen in Toledo, Cuenca und Sigüenza unter Beweis. Überflüssig zu erwähnen, dass alle drei noch unversehrt und vollständig erhalten sind.

Burgen-Hopping und Safran-Route

Safran macht nicht nur den Kuchen „gel“ (also gelb), sondern das Gewürz gedeiht auch prachtvoll in Kastilien-La Manche. Die „Route der Safran-Felder“ ist bei Besuchern sehr beliebt. Ähnlich liebevoll angelegt präsentiert sich die „Ruta de los Pueblos Negros“, die zu abgelegenen Dörfern führt – deren Gebäude samt und sonders aus schwarzem Schiefer gebaut worden sind. Wer die Zeit der alten Ritter liebt, kann sich ähnlich wie in Schottland oder Irland ein regelrechtes „Burgen-Hopping“ genehmigen, für das erfahrungsgemäß vor allem auch Kinder schwer zu begeistern sind. Ein Fest für Kulturliebhaber ist schließlich das große „Festival de Almagro“ jedes Jahr im Juli: Almagro bietet ein fantastisches Innenhoftheater, den „Corral de Comedias“ – unverändert aus dem 17. Jahrhundert.

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