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Pilgern in Spanien

Wer an Spanien als Pilgerland denkt, wird damit in erster Linie den berühmten Jakobsweg in Verbindung bringen. Dabei gibt es ihn eigentlich gar nicht, „den“ Jakobsweg schlechthin. Jede Pilgerwanderung, die das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela zum Ziel hat, ist ein Jakobsweg – egal, an welchem Ort dieser Erde sie beginnt.

Pilgerwanderungen nach Santiago haben eine lange Tradition, es gibt sie seit über 1000 Jahren. Dabei haben sich im Laufe der Jahrhunderte bestimmte Routen etabliert. Die wichtigsten von ihnen sollen hier beschrieben werden, denn auch für weniger religiöse Pilger sind die Wanderungen durch Spaniens herrliche Natur ein großes Erlebnis.

„Pilgern in Spanien“, das muss aber nicht grundsätzlich mit dem Jakobsweg zusammenhängen. Das Land ist reich an bedeutenden Wallfahrts-Stätten und prachtvollen Kathedralen, denn die Kulturgeschichte Spaniens ist eng mit dem christlichen Glauben verknüpft. Von Reisezielen wie Montserrat, Saragossa, Guadalupe und Avila – allesamt zum Weltkulturerbe der UNESCO zählend – wird daher später ebenfalls noch die Rede sein.


Santiago de Compostela und die Geschichte des Jakobswegs

Das Ziel aller Jakobswege ist die riesige Kathedrale von Santiago de Compostela in Galizien, im äußersten Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Tausende von Pilgern und Touristen aus aller Welt strömen jedes Jahr zu diesem beeindruckenden Ort. Erbaut wurde die prächtige Kathedrale vor rund 1000 Jahren über einer Grabstätte, die nach der Überlieferung dem Apostel Jakobus dem Älteren zugeschrieben wird. Sie gilt offiziell als seine Grabeskirche und entwickelte sich als solche bereits im Mittelalter zum dritten Hauptziel christlicher Wallfahrt neben Rom und Jerusalem.

Der Camino de Santiago als Pilgerstrecke findet erstmals im Jahre 1047 urkundliche Erwähnung und war im Hochmittelalter die Hauptverkehrsachse Nordspaniens. Er nahm seinen Ausgang in den französischen Pyrenäen (diese Route heißt deshalb auch heute noch „Camino Francés“) und führte über die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León bis nach Santiago de Compostela. Wenn heute vom Jakobsweg die Rede ist, ist gewöhnlich dieser Hauptweg, der Camino Francés gemeint. Weitere Routen wie der Camino del Norte, die Via de la Plata, der Camino Primitivo und der Camino Inglés haben sich mit der Zeit herausgebildet und haben alle ihren ganz eigenen Reiz.

Die Routen im Einzelnen

Camino Francés

Er ist der wichtigste unter den Jakobswegen, verfügt über eine ausgezeichnete touristische Infrastruktur und gilt seit 1993 als UNESCO-Welterbe. Über knapp 800 Kilometer führt er durch höchst abwechslungsreiche Landschaften. Angefangen von der Region Navarra südlich der Pyrenäen, erreicht er über La Rioja und den Norden Kastiliens schließlich Galizien, eine der waldreichsten Regionen Spaniens.

Zahlreiche Jakobskirchen und Hospitäler entlang des Camino Francés lassen heute noch den mittelalterlichen Wegeverlauf erkennen und sind wahre Kulturschätze.
Die klassische Einteilung beschreibt den Camino Francés in 32 Tagesetappen, wobei im Durchschnitt täglich etwa 25 km zurückzulegen sind.
Im Hochsommer ist gerade diese Hauptroute weniger zu empfehlen, denn neben der großen Hitze werden auch die Touristenströme zum echten Hindernis. Eng werden kann es auch an religiösen Feiertagen, besonders in der Osterzeit. Aus der Pilgerwanderung kann dann leicht ein Wettlauf um die letzten Herbergsplätze werden. Insgesamt sind aber die interessanten, internationalen Begegnungen unterwegs und in den Herbergen Teil des Reise-Erlebnisses und eine wirkliche Bereicherung.

Camino del Norte

Als schönster Jakobsweg in Spanien gilt die Küstenroute, der Camino del Norte. Von San Sebastián an der französischen Grenze führt er durch die herrlich grüne Küstenlandschaft Nordspaniens am Atlantik entlang. Über Bilbao, Santander, Gijón und Ribadeo trifft die Route schließlich 40 km vor Santiago auf den Camino Francés.

Auch der Küstenweg verfügt über ein gut ausgebautes Herbergsnetz und ist auf den Hauptstrecken gut markiert. Besonders attraktiv wird diese Route durch die zahlreichen möglichen Varianten. So kann der Wanderer an vielen Stellen individuell entscheiden, ob er die landschaftlich reizvollere Strecke (oft direkt am Meer entlang) oder die bequemere Alternative wählt. Vor allem die ersten 160 Kilometer des Camino del Norte, etwa bis Bilbao, verlaufen sehr bergig und stellen somit eine echte körperliche Herausforderung dar. Der restliche Teil der Strecke überwindet zwar ebenfalls beträchtliche Höhenunterschiede, ist aber insgesamt deutlich einfacher zu bewältigen.

Pilgern in Spanien

Pilgern in Spanien ©iStockphoto/Carlos Gabriel Fernández

Via de la Plata

Von Sevilla im südspanischen Andalusien führt die Via de la Plata nach Santiago. Ihr Name wird manchmal fälschlicherweise mit „Silberstraße“ übersetzt, geht jedoch ursprünglich auf eine maurische Bezeichnung zurück, die nichts anderes bedeutet als „gepflasterte Straße“. Schon in vorrömischer Zeit ein wichtiger Reise- und Handelsweg, erhielt die Via de la Plata später auch Bedeutung als Pilgerroute zum Jakobusgrab.

Stolze 1000 km lang ist dieser Pilgerweg, der – auf den Spuren der Römer – durch unterschiedliche Klimazonen und ganz verschiedene Landschaften führt. Von Sevilla aus geht es über weite Strecken durchs Trockengebiet der Extremadura, zunächst nach Mérida, dann nach Cáceres. In den Sommermonaten sollte dieser Streckenabschnitt wegen der großen Hitze gemieden werden, dafür ist die Extremadura im Frühling mit ihrer Blütenpracht ganz besonders reizvoll. Weiter führt die Route über die nordkastilische Hochebene nach Salamanca und Zamorra. Das Landschaftsbild ist hier von Kork- und Steineichen geprägt, man begegnet iberischen Schweinen und Kuhherden. Im Gebirge zwischen Kastilien und Galizien erklimmt der Pilger eine Höhe von 1262 Metern und gelangt in ein fast mitteleuropäisches Gebirgsklima. Über Ourense führt der Weg schließlich nach Santiago. Auch entlang der Via de la Plata gibt es inzwischen ein fast flächendeckendes Herbergs-Netz. Die Markierung der Wege ist noch lückenhaft, was aber nicht wirklich ein Problem darstellt.

Camino Primitivo

Eine geradezu sportliche Herausforderung bietet der Camino Primitivo, einer der ältesten Jakobswege überhaupt und wohl auch der härteste. Er stellt eine Verbindung dar zwischen dem Küstenweg und dem Camino Francés und wurde bereits im 9. Jahrhundert als Pilgerweg genutzt. Beginnend in Oviedo, der Hauptstadt Asturiens, schlängelt er sich durch das Küstengebirge Kantabriens und die hügelige Landschaft Galiziens weiter über Lugo bis nach Santiago. Der Weg führt über mehrere Pässe, stellenweise sind Höhenunterschiede von über 1000 Metern zu überwinden. Ein atemberaubendes Bergpanorama, plätschernde Gebirgsbäche und herrlich schattige Wälder entlohnen den Pilger für seine Anstrengungen. Immer wieder trifft man hier auch auf alte Brücken und Mauern aus der Römerzeit.
Der Camino Primitivo ist vergleichsweise wenig frequentiert und ein wirklicher Geheimtipp für Pilger, die die Ruhe und Einsamkeit in der Natur suchen.

Camino Inglés

Ebenfalls als Geheimtipp gilt der Camino Inglés, der Englische Weg also, der von Ferrol aus entlang der Küste Galiziens nach Santiago führt. Pilger, die Galizien – aus Nordfrankreich, Skandinavien, England und Irland kommend – über das Meer erreichten, reisten auf dem Camino Inglés zum Jakobusgrab.
Der Weg führt durch eine für Spanien eher untypische Landschaft, in der Orangen- und Zitronenbäume wachsen, und ist insgesamt etwa 125 Kilometer lang.
Der Camino Inglés wird wenig begangen, ist aber, aktuellen Berichten zufolge, durchgängig markiert. Den Pilger erwarten ein angenehmes Klima, eine atemberaubende Küstenlandschaft mit Pinien- und Eukalyptuswäldern, nette Dörfer mit freundlichen Einheimischen und sehenswerte Städte mit römischer Geschichte.

Traditionelles Symbol und Pilgerabzeichen für den Camino de Santiago ist die Jakobsmuschel. Sie diente ursprünglich dem Pilger auch als Nachweis dafür, dass er die Reise tatsächlich gemacht hatte. Wer heute den Pilgerweg geschafft hat, kann sich am Ende in Santiago eine Urkunde darüber ausstellen lassen. Voraussetzung ist ein spezieller Pilgerpass, der zur Übernachtung in den Refugios (Pilger-Herbergen) berechtigt und in jeder der genutzten Unterkünfte einen Stempel erhält. Als Pilger anerkannt wird übrigens auch, wer den Weg zu Pferd oder auf dem Fahrrad zurückgelegt hat.

Weitere bedeutende Pilgerstätten Spaniens

Saragossa – das älteste Marienheiligtum der Welt

Das Marienheiligtum in Saragossa hängt ebenfalls mit dem Apostel Jakobus dem Älteren zusammen. Im Jahre 40 nach Christus soll dem Heiligen, der auf seiner Missionsreise die Stadt zum Christentum bekehrte, hier die Jungfrau Maria erschienen sein. An der Stelle, wo zunächst zu Erinnerung an dieses Wunder eine einfache Kapelle gebaut wurde, steht seit dem 16. Jahrhundert die herrliche Kathedrale „Nuestra Senora del Pilar“, Nationalheiligtum und eine der größten Wallfahrtsstätten Spaniens.

Zahlreiche Wunder sind im Laufe der Jahrhundert an diesem Ort geschehen, und selbst ein Bombenangriff der Bolschewiken im spanischen Bürgerkrieg konnte die Kathedrale nicht zerstören – die Bomben gingen auf unerklärliche Weise nieder, ohne zu explodieren. Bis heute pilgern Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen zur Muttergottes von Saragossa. Zahlreiche Votivgaben, darunter kostbare Kronen und Büsten von Heiligen, zeugen von Gebetserhörungen. Besucher aus ganz Spanien zieht es jedes Jahr im Oktober hierher zur „Fiesta del Pilar“, dem großen Stadtfest zu Ehren der Heiligen Jungfrau. Saragossa ist die Hauptstadt von Aragonien im Nordosten Spaniens und liegt auf etwa 200 Metern Höhe am Mittellauf des Ebro.

Montserrat – geschichtsträchtiges Kloster am Berg

Rund 40 Kilometer nordwestlich von Barcelona liegt auf einer Höhe von 721 Metern die Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat. Eine im Kloster befindliche Marienstatue aus dem 12. Jahrhundert, die Schwarze Madonna unserer Lieben Frau von Montserrat, wird als Schutzheilige Kataloniens verehrt und zieht auch heute noch zahlreiche Pilger an.

Das Bergmassiv des Montserrat liegt mitten in einem herrlichen Naturpark und der Ausblick, der sich vom Kloster aus bietet, ist unbeschreiblich.
Neben dem Kloster selbst gibt es in den Bergen der Umgebung eine ganze Reihe von Ermitagen, die auf gut ausgebauten Wegen erwandert werden können.
Das Kloster Montserrat gilt mit seiner Geschichte, seinen Museen und seiner großen Bibliothek auch als bedeutendes Zentrum der katalanischen Kultur. Als solches ist es eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Spaniens und auch für weniger religiöse Besucher hochinteressant.

Guadalupe – hier thront die Königin der gesamten spanischen Welt

Zwischen den Hügeln der Extremadura, etwa 200 Kilometer Luftlinie in südwestlicher Richtung von Madrid, liegt ein weiterer großer Wallfahrtsort Spaniens. Das Kloster Unserer Lieben Frau von Guadalupe beherbergt eine Marienfigur aus Zedernholz, die der Evangelist Lukas persönlich geschnitzt haben soll, und die als wundertätig gilt. Die Heilige Jungfrau von Guadalupe wird verehrt als die Königin des Spaniertums in aller Welt, und schon Kolumbus benannte ihr zu Ehren eine Insel. Wenn zu seiner Zeit die Entdecker und Eroberer von ihren Fahrten zurückkehrten, pilgerten sie nach Guadalupe und spendeten der Madonna zum Dank etwas von ihren Schätzen.

Noch immer zieht es jedes Jahr zehntausende von Gläubigen aus aller Welt zum Gnadenbild der Madonna von Guadalupe.
Die Kirche und die gesamte riesige Klosteranlage zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe und bergen eine Unmenge an kulturellen Schätzen und Sehenswürdigkeiten.

Avila und die Pilgerroute der Heiligen Teresa

Die etwa 110 Kilometer nordwestlich von Madrid gelegene historische Metropole Avila gehört mit ihrer komplett erhaltenen romanischen Stadtmauer und der gotischen Kathedrale ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe. Als Heimat und Wirkungsstätte der großen Heiligen Teresa, einer bekannten spanischen Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert, zieht sie vor allem auch Pilger an.

Zahlreiche Kirchen und Klöster in der Stadt gehen zurück auf das Wirken dieser großartigen und einflussreichen Frau. Zu nennen sind in erster Linie das noch durch Teresa selbst gegründet Karmelitinnenkloster San José sowie das Kloster an der Plaza de la Santa, das seit 1636 an der Stelle ihres Geburtshauses steht.
Zusammen mit dem ebenfalls heilig gesprochenen Mystiker Juan de la Cruz (Johannes vom Kreuz) errichtete die visionäre Nonne Klöster im ganzen Lande.
Anlässlich der Fünfhundertjahrfeier zu ihrer Geburt im Jahre 2015 entsteht derzeit eine neue Pilgerroute auf der Spur ihrer Reisen und Klostergründungen. Die erste Route von Avila nach Alba de Tormes, dem Sterbeort Teresas in der Provinz Salamanca, wurde vor kurzem feierlich eröffnet. Den Titel eines Teresa-Pilgers soll künftig führen dürfen, wer mehr als vier ihrer Klöster in mindestens zwei verschiedenen Regionen besucht hat und dies durch die entsprechenden Pilgerstempel nachweisen kann.

Die Möglichkeiten zu Pilgerreisen in Spanien sind so vielfältig und facettenreich wie das Land selbst. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Wer sich mit entsprechender innerer und äußerer Vorbereitung ernsthaft auf eine solche Reise begibt, wird reich beschenkt nach Hause zurückkehren.

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